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Welttag der Suizidprävention

10.09.2019, 0 Kommentare

Die Suizidrate* zu senken und gefährdete Menschen frühzeitig zu erkennen, sind wichtige Anliegen der Gesundheitssysteme weltweit. Aktuelles und Wissenswertes zum Thema Suizid und Suizidvorbeugung lesen Sie hier.

Von Elke Steudter

Abbildung 1: Traurigkeit und Verzweiflung ernstnehmen (Quelle: Photo Visualhunt)

Unter dem Motto «Hand in Hand für Suizidprävention» findet am 10. September 2019 der Welttag der Suizidprävention statt und nimmt damit das Thema des Vorjahres wieder auf. Der 2003 durch die WHO und die International Association for Suicide Prevention (IASP) erstmals initiierte und seither jährlich organisierte Aktionstag soll das Thema einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen und gleichzeitig den durch einen Suizid Verstorbenen gedenken.

Der Begriff Suizid leitet sich vom lateinischen «sui caedere» ab und bedeutet «sich schlagen» oder «sich töten». Suizid ist eine Handlung, bei der sich der/die Betroffene selbst schädigt, und keine Krankheit (WHO, 2014: 12, zitiert in BAG et al., 2016: 9).

Um Solidarität mit den von einem Suizid Betroffenen und ihren Angehörigen am Welttag der Suizidprävention zu zeigen, bittet die IASP, um 20 Uhr eine Kerze ins Fenster zu stellen.

Beunruhigende Fakten

Der Suizid gehört weltweit zu den 20 häufigsten Todesursachen von Menschen aller Altersklassen. Jährlich nehmen sich insgesamt ca. 800.000 Menschen das Leben. Das heisst, ungefähr alle 40 Sekunden wird ein Suizid begangen. Die Zahl der Suizidversuche liegt um ein Vielfaches höher: statistisch kommen auf einen Suizid 25 Suizidversuche (IASP, 2019). In der Schweiz sterben ca. 1000 Menschen jährlich an einem nicht-assistierten Suizid, viermal mehr als durch einen Strassenverkehrsunfall. Sie hinterlassen durchschnittlich vier bis sechs Hinterbliebene, die nach dem Ereignis und seinen Folgen (weiter-) leben müssen. Jährlich werden 10.000 Menschen nach einem Suizidversuch ärztlich und pflegerisch versorgt (BAG et al., 2016). Weltweit liegt die Zahl der Hinterbliebenen von durch Suizid verstorbene Menschen bei ungefähr 108 Millionen. Die Erfahrung, einen nahestehenden Menschen durch einen Suizid zu verlieren erhöht das Risiko wiederum, selbst diese Form zu wählen, um sein Leben zu beenden. Damit stellen der Suizid, der Versuch und die Folgen eine noch immer weitgehend unterschätzte Gefahr dar (IASP, 2019).

Er betrifft Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen, Alters- und Bildungsgruppen, mit niedrigem oder hohem Sozialstatus, männlichem (15/100.000) oder weiblichem Geschlecht (8/100.000). In der Altersgruppe zwischen 15–24 Jahren stellt der Suizid die häufigste Todesursache in vielen europäischen Ländern dar. In 25 Ländern der Erde ist der Suizid strafbar (IASP, 2019) (Mehr dazu: YouTube Video Online-Hilfe für Jugendliche: Suizid-Prävention durch Gleichaltrige).

Abbildung 2: Suizidrate in der Schweiz (Obsan, 2019)

Komplexes Geschehen

Bei einem Suizid wirken verschiedene Faktoren. Diese können genetischer, psychologischer, sozialer oder kultureller Natur oder eine Kombination davon sein. Oft steht der Suizid mit Traumata oder Verlusterfahrungen in Verbindung. Aber auch Langzeitarbeitslosigkeit und Migrationserfahrungen erhöhen das Risiko, einen Suizid zu begehen (BAG et al., 2016). Sehr häufig tritt der Suizid bei Menschen mit Depressionen auf. In den Ländern mit hohem Einkommen – also meist Länder der westlichen Welt, aber nicht ausschliesslich – liegt bei 50 Prozent der Menschen, die durch einen Suizid sterben, eine Major Depression vor. Als häufigste Form des Suizids wird von Erwachsenen in der Schweiz das Erhängen, gefolgt vom Erschiessen gewählt. Männer über 70 Jahre beenden ihr Leben am häufigsten durch Erschiessen (38%), Frauen vergiften sich am häufigsten (24%) (BAG et al., 2016).

Suizide sind vermeidbar

Noch immer ist die Ansicht, dass man Menschen mit Suizidgedanken nicht von ihrem Entschluss abhalten kann, weit verbreitet. Dies ist falsch. Entsprechende Hilfs- und Unterstützungsangebote können Menschen davor bewahren, Suizid zu begehen. Diese Hilfsangebote müssen einfach erreichbar sowie niederschwellig und rund um die Uhr genutzt werden können. Wichtig ist, dass sich die Betroffenen sowie Angehörige und Freunde rechtzeitig an eine Ansprechperson wenden und die Situation besprechen können.
Wichtige telefonische Angebote sind «Die Dargebotene Hand» mit der Telefonnummer 143 und das Angebot «Beratung + Hilfe 147» von Pro Juventute für Kinder und Jugendliche (Telefonnummer 147). Gemeinsam bieten die beiden Angebote rund um die Uhr in allen Landessprachen Hilfe für Betroffene aller Altersgruppen an. Auch medizinische Notfallnummern (z. B. Telefonnummer 144) können 24 Stunden genutzt werden (BAG et al., 2016).

Gemeinsam und vernetzt handeln

Wirksame Suizidpräventionsstrategien sind eine Aufgabe, der sich die Gesellschaft gemeinsam stellen muss. Verschiedene Ansätze werden als wirksam erachtet. Diese sind im Einzelnen:

  • Zugang zu tödlichen Mitteln beschränken (z. B. Schusswaffen, giftige Substanzen)
  • Depressionen behandeln
  • Versorgungskette gewährleisten und
  • schulbasierte universelle Prävention durchführen (IASP, 2019)

Für die Schweiz wurde 2016 ein Aktionsplan entwickelt, der das übergeordnete Ziel verfolgt, die Rate für den nicht-assistierten Suizid bis 2030 um 25 Prozent zu senken. Im Einzelnen nimmt der Aktionsplan die folgenden zehn Ziele auf:

  • Persönliche und soziale Ressourcen stärken.
  • Über Suizidalität informieren und sensibilisieren.
  • Hilfe anbieten, die schnell und einfach zugänglich ist.
  • Suizidalität frühzeitig erkennen und frühzeitig intervenieren.
  • Suizidale Menschen auf ihrem Genesungsweg wirksam unterstützen.
  • Suizidale Handlungen durch einen erschwerten Zugang zu tödlichen Mitteln und Methoden erschweren.
  • Hinterbliebene und beruflich Involvierte unterstützen.
  • Suizidpräventive Medienberichterstattung und suizidpräventive Nutzung digitaler Kommunikationsmittel fördern.
  • Monitoring und Forschung fördern.
  • Beispiele guter Praxis aus der Schweiz und aus dem Ausland verbreiten (BAG et al., 2016: 5).

Auch Pflegefachpersonen können dazu beitragen, Risikofaktoren für einen Suizid zu erkennen und mit geeigneten Massnahmen darauf zu reagieren. Dies setzt die Fähigkeit voraus, eine Situation ganzheitlich erfassen und die gewonnenen Informationen folgerichtig interpretieren zu können. Bei Unsicherheiten sollte man sich immer im (interprofessionellen) Team besprechen und gemeinsam mit den Betroffenen nach geeigneten Handlungsoptionen zu suchen.

 

Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung

 

Quellen

Bundesamt für Gesundheit (BAG), Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) & Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz (2016). Suizidprävention in der Schweiz. Ausgangslage, Handlungsbedarf und Aktionsplan. Bern. ((link einfügen https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/psychische-gesundheit/politische-auftraege/motion-ingold/bericht_suizidprävention.pdf.download.pdf/Bericht%20Suizidprävention%20Aktionsplan%202016.pdf))

IASP (2019). World Suicide Prevention Day. September 10th 2019. Working Together to Prevent Suicide. Facts and Figures. (link einfügen https://www.iasp.info/wspd2019/wspd-resources/))

Obsan (2019). Suizid. Neuchâtel. ((link einfügen https://www.obsan.admin.ch/de/indikatoren/suizid))

 

*Die Ausführungen beziehen sich auf den nicht-assistierten Suizid.


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