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Schlaf als Ressource richtig nutzen

29.10.2019, 0 Kommentare

Einschlafen – durchschlafen – ausgeschlafen in den Tag. Warum das oft nicht so einfach ist und was man dagegen tun kann, zeigen wir Ihnen hier.

Von Elke Steudter

(Quelle: Visualhunt.com)

Schlaf gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Im Schlaf erholen sich Körper und Geist, Zellen werden erneuert oder repariert und Wachstumshormone werden ausgeschüttet. Letzteres ist nicht nur für Neugeborene, Kinder und Jugendliche zentral – Schlaf ist für den Menschen lebenswichtig. Denn der gute Schlaf hat elementare Auswirkungen auf das Wohlbefinden sowie auf die körperliche und psychisch-emotionale Leistungsfähigkeit und Balance. In Anbetracht dieser Tatsachen erstaunt es doch, dass der Schlaf häufig so wenig Aufmerksamkeit erfährt und er fast eine Art Schattendasein führt. Erst wenn sich Probleme beim Ein- oder Durchschlafen einstellen, erst wenn die Auswirkungen eines schlechten Schlafes nicht mehr von der Hand zu weisen sind, erst dann wiederfährt dem Phänomen die Aufmerksamkeit, die es verdient. Erst dann verlässt der Schlaf die Privatheit des Schlafzimmers, wird beispielsweise als sogenannte Insomnie bei der Hausärztin oder den Pflegenden im Spital, im Heim und in der Spitex beklagt.

Eine Gesellschaft der Unausgeschlafenen

Was in der Regel so selbstverständlich funktioniert und was sich Nacht für Nacht meist zuverlässig einstellt ist ein hochkomplexes Geschehen und ein physiologisch, hormonell beeinflusstes Meisterwerk, für das massgeblich verschiedene Funktionen des Gehirns verantwortlich sind. Und eben dieses System scheint bei Vielen aus dem Takt geraten zu sein. Immerhin leidet beinahe ein Viertel der Schweizer Bevölkerung an Schlafstörungen oder einer verminderten Schlafqualität, beispielsweise nicht einschlafen oder durchschlafen zu können oder zu früh am Morgen zu erwachen. Das Schlafstörungen längst ein gesellschaftliches Problem sind lässt sich bei Hans-Günter Weeß, einem renommierten Schlafmediziner und -forscher, nachlesen. In seinem Buch «Die schlaflose Gesellschaft» beschreibt er eindrücklich, welche gesundheitlichen, aber auch ökonomischen Folgen ein gestörter, nicht erholsamer Schlaf haben kann. (Mehr dazu: Sendung Schweizer Tagesschau vom 19. Mai 2015)

Ursachen und Folgen der Insomnie

Von Schlaflosigkeit geplagte Menschen geben häufig an, Sorgen zu haben, stark belastet zu sein oder Stress zu verspüren. Nicht abschalten können, unter Druck stehen und zu wenig Ruhephasen – vielfach Erscheinungen der heutigen Arbeits- und Berufswelt. Aber nicht immer können diese Ursachen für die Schlafprobleme verantwortlich gemacht werden. Es gibt auch körperliche Ursachen, z. B. Störungen im Hormonhaushalt aufgrund einer Schilddrüsenüberfunktion, die abgeklärt und im Rahmen einer Insomniediagnostik ausgeschlossen werden müssen.

Die Auswirkungen von zu wenig Schlaf können verheerend sein (Crönlein, 2010), da dies unmittelbare Folgen für das Immunsystem hat. Und dies bereits nach sehr wenigen Nächten, in denen sich der Körper im Schlaf nicht ausreichend erholen konnte.

In den letzten Jahren liess sich zeigen, dass das Risiko einer Krebserkrankung, für Autoimmunerkrankungen, z. B. Multiple Sklerose, für Herzinfarkt oder Schlaganfall bei Menschen, die dauerhaft zu wenig schlafen, deutlich erhöht ist. Eine Untersuchung der Universität Zürich konnte zeigen, das Unausgeschlafene offenbar risikobereiter sind, da sie – nachdem die Schlafdauer deutlich verringert wurde – anders bei Geldanlagen entschieden als die ausgeschlafenen Probanden. Obwohl das Schlafbedürfnis individuell variieren kann – empfohlen werden sieben Stunden. Wer deutlich und über eine längere Zeit weniger schläft riskiert gesundheitliche Folgen und vermindert seine Lebensqualität deutlich. Dies ist auch bedingt durch die Nacht- und Schichtarbeit für Health Professionals ein wichtiger Punkt.

Pflegerischer Umgang mit Schlafproblemen bei alten Menschen

Pflegende werden beinahe täglich mit Schlafproblemen oder Schlafstörungen der Patienten und Bewohnerinnen konfrontiert. Dabei gehen sie sehr unterschiedlich damit um, wie eine Untersuchung von Flick & Röhnsch (2013) in einem deutschen Pflegeheim zeigen konnte. Grundsätzlich konnten die Forschenden zwei Stile im Umgang mit veränderten Schlaf bei alten Menschen feststellen: den laisser-faire und den reflektierten Umgang mit dem Phänomen.

Einige der interviewten Pflegenden mit laisser-faire Einstellung fanden beispielsweise, man könne eh keinen Einfluss auf den schlechten Schlaf nehmen, da er durch die Krankheiten der Betroffenen verursacht wird. Andere betrachteten die Schlafstörungen quasi als normale Alterserscheinung. Sie sahen ihre Aufgabe darin, die Betroffenen im Umgang mit dem Problem zwar zu unterstützen, aber nicht das eigentliche Problem – nämlich die Schlafstörung selbst – zu beheben. Irrtümlich wurde auch angenommen, dass alte Menschen mehr schlafen müssten und daher den nächtlich verpassten Schlaf am Tag nachholen könnten, z. B. durch einen verlängerten Mittagsschlaf. Anders stellte sich dies bei Pflegenden dar, die einen reflektierten Umgang mit den Schlafstörungen hatten. Sie erkannten die ungesunden Auswirkungen des schlechten Schlafes und ihnen waren schlaffördernde Maßnahmen sehr wichtig. Sie erkannten auch, dass die sorgfältige Dokumentation der Schlafmaßnahmen und der Schlafqualität wichtige Voraussetzungen sind, um die Situation für die von Schlafstörungen Betroffener zu verbessern.

Suchtpotenzial Schlafmittel

Was also tun, um gut durch die Nacht und ausgeruht in den Tag zu kommen? Tatsächlich greifen viele von Schlafstörungen Betroffene zu pharmakologischen Mitteln, die in der Regel verschreibungspflichtig sind. Beachtenswert ist dabei, dass gegenüber Schlafmittel offenbar deutlich weniger Vorbehalte bestehen, als dies beispielsweise für Schmerzmittel gilt. Viele Patienten und Patientinnen möchten nicht vom Schmerzmittel abhängig werden, verlangen aber routiniert nach Temesta®, Dormikum® oder anderen Substanzen, deren Suchtpotenzial sehr hoch ist, wenn sie über einen längeren Zeitraum regelmässig eingenommen werden. Dies führt beispielsweise dann zu Problemen, wenn diese Menschen aus anderen Gründen ins Spital müssen und dort nicht wie selbstverständlich die schlaffördernden Medikamente erhalten und die Betroffenen nicht verstehen, warum man ihnen diese Mittel vorenthält.

Wie man gut durch die Nacht kommt

Auch wenn es hinlänglich bekannt sein sollte – eine gute Schlafhygiene ist eine wichtige schlaffördernde Massnahme. Im Bett Mails zu beantworten, im Netz zu surfen, online-Shopping zu betreiben, fernzuschauen oder zu essen – keine gute Voraussetzung für erholsamen Schlaf. Wenn sich aus anderen Gründen der Schlaf nicht einstellen will oder die Schlafqualität schlecht ist, können andere Massnahmen Abhilfe schaffen. Verschiedene komplementäre Massnahmen können helfen, erholsam zu schlafen und die Batterien während der körperlichen und geistigen Ruhephase wieder aufzuladen. Aus dem Bereich der Phytotherapie stellen Baldrian, Hopfen und Melisse eine gute Alternative zu pharmazeutischen Substanzen dar.

 

Dr. phil. Elke Steudter ¦ Pflegewissenschaftlerin ¦ Careum Weiterbildung

 

Quellen

Crönlein, T. (2010). Schlafstörungen. Ursachen erkennen und behandeln. München: Compact Verlag.

Flick, U. & Röhnsch, G. (2013). Handlungsmöglichkeiten von Pflegenden bei Schlafstörungen im Heim. In: U. Flick & V. Garms-Homolovà (Hrsg.). Schlafstörungen im Alter. Göttingen: Hogrefe Verlag.


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