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Mit Persönlichkeit führen

26.11.2019, 0 Kommentare

Menschen befinden sich im ständigen Austausch mit ihrer Umwelt. Wie sie dabei auf äussere und innere Reize reagieren hängt auch von ihrem Persönlichkeitsprofil ab. Wie dies in der Führung von Mitarbeitenden genutzt werden kann, lesen Sie hier.

Von Elke Steudter

(Quelle: Visualhunt)

Das Verhalten von Menschen wird wesentlich dadurch beeinflusst, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen. Da Wahrnehmung ein subjektives Konstrukt ist, kann eine Situation von mehreren Personen völlig unterschiedlich erfasst und interpretiert werden. Eben diese Tatsache macht das zwischenmenschliche Miteinander oft so herausfordernd. Dies gilt in besonderer Weise für die Zusammenarbeit in Teams, wenn manche Ansichten scheinbar überhaupt nicht zusammenpassen wollen und die Arbeitsatmosphäre dadurch beeinflusst wird.

Unterschiedliche Faktoren wirken auf den Prozess der subjektiven Wahrnehmung ein. Dazu zählen insbesondere die individuellen Erfahrungen, die bereits früher gesammelt werden konnten, die beteiligten Personen und ihre Einstellungen sowie die bestehenden Strukturen im Team bzw. in der Organisation (vgl. Garcia et al., 2019). All dies wirkt mehr oder weniger bewusst darauf, wie Menschen reagieren und handeln. Wie und was Menschen wahrnehmen und wie sie sich verhalten, hängt dabei auch von ihrem individuellen Persönlichkeitsprofil ab.

Die Person (er-)kennen

Das Wesen einer Person formt sich durch verschiedene Eigenschaften, die ganz unterschiedlich ausgeprägt sein können. Um welche Eigenschaften es sich dabei handelt wird in verschiedenen Modellen dargestellt, beispielsweise den «Big Five der Persönlichkeitsfaktoren», das von H.J. Eysenck (1916–1997) entwickelt wurde. Der ursprünglich aus Deutschland stammende Psychologe hat sich Zeit seines Lebens mit der Persönlichkeit des Menschen beschäftigt. Nach ihm setzt sich die Persönlichkeit aus folgenden Anteilen zusammen:

  • Neurozentrismus: zeigt, in wie weit die Person emotional stabil bzw. instabil, wie beharrlich und zielgerichtet sie ist.
  • Extraversion: zeigt, wie optimistisch und gesellig die Person ist (Gegenpol: Introversion).
  • Erfahrungsoffenheit: zeigt, wie die Person mit Neuem und Unbekanntem umgeht.
  • Verträglichkeit: zeigt, wie egoistisch bzw. altruistisch, wie kooperativ und nachgiebig eine Person ist.
  • Gewissenhaftigkeit: zeigt wie diszipliniert, leistungsbereit und zuverlässig eine Person ist.

Die Persönlichkeitsprofile haben auch Einfluss auf die individuellen Bedürfnisse, nach deren Befriedigung der Mensch stets strebt. Diese Bedürfnisse können höchst unterschiedlich sein und nicht selten stehen sich diese bei Teammitgliedern diametral entgegen. Die Kunst der Führung besteht daher auch darin, persönlichkeitsbezogene Bedürfnisse zu erkennen und Möglichkeiten zu schaffen, diese allgemein verträglich zu bedienen. Denn die Erfüllung oder Nicht-Erfüllung vorhandener Bedürfnisse hat wesentlichen Einfluss darauf, wie Menschen mit Veränderungen umgehen und wie sie Herausforderungen begegnen. Diese wiederum kann sich auf ihre Motivation auswirken (vgl. Garcia et al., 2019).

Bedürfnisse ganzheitlich verstehen

Die Vielfältigkeit und Einzigartigkeit des Menschen entsteht unter anderem auch durch die ganz unterschiedlichen Ausprägungen und Kombinationen der oben dargestellten Persönlichkeitsanteile. Und so lohnt sich nicht nur in der praktischen Führungsarbeit ein sorgfältiger Blick auf die anderen und deren Persönlichkeitsprofil. Denn viel von seinem Wesen offenbart der Mensch in seinem täglichen Sein und Tun. Wer besser erkennt, welche Eigenschaften – und die daraus abgeleiteten Bedürfnisse – jeweils im Vordergrund stehen, kann andere besser verstehen und möglicherweise auch besser akzeptieren. So können ein wertschätzendes Miteinander und eine wichtige Grundlage der Führung entstehen. Arbeitspsychologisch können Bedürfnisse, wie sie Grawe (2004) beschrieben hat, in Führung und Zusammenarbeit relevant sein (siehe Kasten).

Verstand und Gefühl beachten

Menschen verhalten sich also vielfach vor dem Hintergrund ihrer subjektiven Erfahrungen und ihrer Bedürfnisse. Auf Situationen, Begegnungen und Herausforderungen reagieren sie dabei stets zweifach. Zur bewussten und rationalen Erfassung und Verarbeitung von Reizen wird vor allem das Frontalhirn genutzt. Reizen wird aber auch auf der emotionalen Ebene begegnet und entsprechend darauf reagiert. Diese Fähigkeit ist vor allem im limbischen System des Gehirns angelegt, auch wenn dies umgangssprachlich mitunter dem Bauch zugeschrieben werden. Die emotionale Reaktion wirkt schneller auf den Menschen, als es die rationale Analyse des Sachverhalts vermag. Dieser Mechanismus wurde eindrücklich von Maja Storch mit ihrem Strudelwürmchen beschrieben (Weiner, 2010). Um wirksam führen und zusammenarbeiten zu können, sollten die beschriebenen Aspekte bewusster in den Alltag mit anderen Menschen einfliessen, kritisch reflektiert und hinterfragt werden.

 

Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung

 

 

Quellen

Engeln, H. & Harf, R. (2017). Fünf Charakterzüge, die jeder hat: So entschlüsseln Psychologen unser Wesen. In: GeoKompakt, Heft 50. https://www.geo.de/magazine/geo-kompakt/15836-rtkl-big-five-modell-fuenf-charakterzuege-die-jeder-hat-so-entschluesseln

Eysenck, H.J. (1979). The structure of human personality. 3th Edition. London: Routlege. file:///D:/Downloads/9780203753439_googlepreview.pdf

Garcia, T., Hoffmann, C. & Pfister, A. (2019). Psychologische Grundlagen für Führungskräfte. In: E. Lippmann, A. Pfister & U. Jörg (Hrsg.). Handbuch Angewandte Psychologie für Führungskräfte. Führungskompetenz und Führungswissen. Band I. Heidelberg: Springer Verlag. 95–156.

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe Verlag.

Lexikon der Psychologie (2000). Big Five Persönlichkeitsfaktoren. https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/big-five-persoenlichkeitsfaktoren/2360

Weiner, C. (2010). Will ich oder will ich nicht? GesundheitsNachrichten. 18–21. http://majastorch.de/download/artikel/artikel_gesundheits-nachrichten_20100326.pdf


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