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Adhärenz fördern – Motivation stärken

07.01.2020     Elke Steudter     1133 Views     0 Kommentare

Mitentscheidend für Pflege und Behandlung ist, wie gut die Patientinnen und Patienten die Empfehlungen der Gesundheitsfachpersonen umsetzen. Wie sie dabei unterstützt werden können, lesen Sie hier.

Bild: Medikamente (Quelle: Pixabay)


Immer mehr Menschen in der Schweiz leiden an einer chronischen Krankheit, die im besten Falle viele Jahre stabil verlaufen kann und das Wohlbefinden und den Alltag der Betroffenen nicht wesentlich einschränkt (Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, 2015 PDF).  Eine wichtige Voraussetzung dafür ist oft die regelmässige Einnahme von Medikamenten und ein angepasster Lebensstil, z. B. mehr Bewegung und gesündere Ernährung. Gerade zu Beginn eines langfristig behandlungsbedürftigen Gesundheitsproblems sollten Patientinnen und Patienten dabei unterstützt werden, die Empfehlungen der Fachpersonen zu verstehen und gezielt umzusetzen. Aus den genannten Gründen hat das Konzept der Adhärenz in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen.


Patienten und Fachpersonen entscheiden gemeinsam

Der Begriff (engl. adherence) beschreibt, wie stark das Gesundheitsverhalten der Patientin/des Patienten mit den Empfehlungen der Fachpersonen in Bezug auf ihre/seine Krankheit und deren Behandlung übereinstimmt (WHO, 2003). Das Konzept der Adhärenz basiert auf einem veränderten Verständnis der Patienten-Behandelnden Beziehung und hat den Begriff Compliance weitgehend abgelöst. Zeigt sich im Compliance-Ansatz eine asymmetrische Beziehung zwischen den Akteuren, in der die Hauptverantwortung für die Umsetzung der Therapieempfehlungen auf den Patienten liegt, versteht sich Adhärenz als partnerschaftliches Konzept, indem nicht über den Patienten, sondern mit ihm entschieden wird.

Sollen Empfehlungen erfolgreich in den Alltag integriert und Adhärenz ermöglicht werden, muss dies als Prozess verstanden und unter folgenden Aspekten betrachtet werden:

  • Wird die Therapie/Lebensstilveränderung wie empfohlen begonnen?
  • Wird die Empfehlung zur Therapie bzw. zur Lebensstilveränderung richtig umgesetzt (z. B. Dosierung, Zeitpunkt, Häufigkeit)?
  • Wird die Therapie/Lebensstilveränderung so lange wie empfohlen von den Patienten umgesetzt bzw. durchgehalten? (Vrijens et al., 2012)

Die drei genannten Aspekte fokussieren damit auf den Start, die Qualität und die Kontinuität im Adhärenzprozess.
 

Bild: Therapieerfolg messen (Quelle: Pixabay)


Gründe einer eingeschränkten Adhärenz

Verschiedene Faktoren können sich ungünstig auf die Adhärenz der Patientinnen und Patienten auswirken. Bleiben diese unberücksichtigt, erschwert dies den Health Professionals nicht selten die klinische Einschätzung einer aktuellen Situation in Verbindung mit der Adhärenz, z. B. ob neu auftretende oder sich verschlechternde Symptome auf das Vorschreiten der Krankheit oder auf die Nichteinnahme der Medikamente zurückzuführen sind. Die WHO (2003) zeigt, dass folgende Faktoren die Adhärenz beeinflussen können:

  • sozio-ökonomische: Bildungs- und Einkommensniveau der Patienten, fehlendes Unterstützungsnetz aus dem sozialen Umfeld
  • patientenbezogene: kognitive Ressourcen, körperliche Einschränkungen, z. B. in der Feinmotorik beim Öffnen von Medikamentenblistern
  • therapiebezogene: Nebenwirkung, Verabreichungsart der Medikamente, Komplexität der Lebensstilveränderung
  • krankheitsbezogene: Krankheitsverlauf, Risiko von Folgeerkrankungen, z. B. einer Depression
  • gesundheitssystembezogene: Zugang zum Gesundheitssystem (z. B. ländliche Versorgungsstrukturen), Verhältnis zu Health Professionals, Kommunikation der Health Professionals.

Soll die Adhärenz von Patientinnen und Patienten langfristig erhalten und gefördert werden ist es wichtig, dass sich Patienten und Health Professionals als Team verstehen, das gemeinsam definierte und besprochene Ziele verfolgt und sich bei der Zielerreichung gegenseitig unterstützt (Khani & Socha-Dietrich, 2018). Dabei sollten auch die wichtigen Bezugspersonen der Patientinnen und Patienten unbedingt beachtet und integriert werden.


Non-Adhärenz erkennen und Patienten gezielt unterstützen

Trotz vielfältiger Bemühungen und Guideline gestützter Empfehlungen ist die Adhärenz bei vielen Patientinnen und Patienten eingeschränkt (siehe oben). Um Non-Adhärenz möglichst gut auflösen zu können ist es zunächst wichtig zu unterscheiden, um welche Form der Non-Adhärenz es sich jeweils handelt. Man unterscheidet die nichtintensionale von der intensionalen Adhärenz (Seehausen & Hänel, 2011). Im ersten Fall möchten die Patientinnen und Patienten die Empfehlungen der Gesundheitsfachpersonen gerne umsetzen, stossen aber im Alltag dabei auf Schwierigkeiten. Im zweiten Fall beabsichtigen die Patientinnen und Patienten von vornherein nicht, die Empfehlungen umzusetzen.

Liegt eine nichtintensionale Nonadhärenz vor soll gemeinsam mit den Betroffenen und deren Bezugspersonen eruiert werden, welche Schwierigkeiten (z. B. finanzielle, körperliche, psychisch-kognitive) konkret bestehen. Dann soll geklärt werden, welche Informationen in der individuellen Situation hilfreich sein können und wie sie vermittelt werden sollen (z. B. Kombination aus Beratungsgespräch und Informationsbroschüre). Hilfreiche Fragen, um eine Nonadhärenz pflegerisch erfassen zu können, finden sich bei Seehausen & Hänel (2011).

 

Dr. phil. Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung

 

Quellen

Khan, R. & Socha-Dietrich, K. (2018). Investing in medication adherence improves health outcomes and health system efficiency. OECD Health Working Papers. OECD-iLibrary

Schweizerisches Gesundheitsobservatorium (2015). Gesundheit in der Schweiz – Fokus chronische Erkrankungen. Nationaler Gesundheitsbericht 2015 (PDF).

Seehausen, M. & Hänel, P. (2011). Adhärenz im Praxisalltag effektiv fördern. Deutsches Ärzteblatt, 108(43): A 2276–2280.

Vrijens, B. et al. (2012). A new taxonomy for describing and defining adherence to medications. British Journal Clinical Pharmacology, 73: 691–705.

WHO (2003). Adherence to long-term therapies. Evidence for action. Geneva.


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