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Soziale Isolation – Bedeutung in Zeiten von «social distance»

07.04.2020     Elke Steudter     223 Views     0 Kommentare

Kontakte meiden, Abstand halten – dies verändert aktuell den Alltag aller Menschen. Besonders betroffen sind alte Menschen. Überlegungen, wie soziale Nähe in Zeiten körperlicher Distanz aufrechterhalten werden kann.

Bild 1: Nicht selten sind alte Menschen sozial isoliert (Quelle: Visual Hunt)


Der Alltag fast aller Menschen hat sich durch die Massnahmen zur Eindämmung der Corona-Infektionen vollständig verändert. Vieles was bisher selbstverständlich war, muss neu organisiert, geplant und überdacht werden. Das Augenmerk liegt dabei vor allem auf den älteren und alten Menschen, denn auf der einen Seite müssen sie als vulnerable Gruppe durch verschiedene Massnahmen besonders geschützt werden. Zum andern leiden sie möglicherweise besonders unter den neuen Verhaltens- und Kontaktregeln. Anlässlich des «Internationalen Tages der älteren Generation» am 1. April schaut Careum FachNews, was soziale Isolation unter den aktuellen Gegebenheiten für alte Menschen bedeutet und wie ihr pflegerisch begegnet werden kann.


Weniger Besuche heisst weniger soziale Beziehungen

Soziale Beziehungen sind wichtig – ein Thema, das die Teilnehmenden am Careum Pflegesymposium 2019 begeisterte. Wer hätte damals schon ahnen können, dass dieses Thema knapp ein Jahr später eine ganz neue Bedeutung erfahren würde. Denn Angehörige und Freunde zuhause, im Heim oder im Spital zu sehen schafft wichtige Abwechslung, kann helfen den Tag zu strukturieren und verbindet das Leben in den eigenen vier Wänden oder in der Institution mit der Welt da draussen. Das gilt nicht nur für ältere und alte Menschen. Regelmässig soziale Kontakte zu haben wirkt sich positiv auf die Gesundheit und sogar auf die Lebenserwartung aus (vgl. Hawkley & Caciappo, 2010).

Verschiedene Gründe führen dazu, dass alte Menschen weniger soziale Kontakte haben, als jüngere Menschen. Einschränkungen in der Mobilität, beispielsweise aufgrund von chronischen Krankheiten, die mit Schmerzen einhergehen, kognitive Veränderungen und der Verlust von Ehepartner/innen und/oder Freunden führt dazu, dass sich die Anzahl der Personen, mit denen sich alte Menschen treffen und austauschen können, abnimmt (vgl. Petrich, 2011). Im Alter ist zwar die Qualität der Beziehungen wichtiger als deren Quantität. Wenn aber durch die Besuchseinschränkungen in den Einrichtungen oder durch die Empfehlung, zuhause zu bleiben, nun auch diese wenigen Kontakte wegfallen, kann dies zur sozialen Isolation und nachfolgend zur Vereinsamung führen. Dies wiederum erhöht insbesondere bei alten Menschen das Risiko für Depressionen und Angst (vgl. Adams et al., 2004).


Pflegende als wichtige Kontaktpersonen

Und so sind Pflegende neben den sonst üblichen Aufgaben in der Spitex, im Pflegeheim und im Spital derzeit in ihrer Rolle als wichtige Bezugs- und Beziehungsperson besonders gefordert. Keine einfache Aufgabe, denn eine gute Beziehungspflege benötigt Zeit, muss bewusst gestaltet und individuell angeboten werden. Hinzu kommt, dass nicht mehr «social relationship» (das gesellige und gemeinsame Miteinander), sondern wann immer möglich «social distance» das Gebot der Stunde ist. Wie aber soziale Beziehungen mit Distanz pflegen und ermöglichen? Bei Kontakten, die im Moment wann immer möglich auch in der Pflege mit körperlichem Abstand erfolgen sollten, wird die emotionale, psychische Nähe umso wichtiger.

In-Beziehung-treten betont vor allem das Gemeinsame, das Verbindende. Interessen teilen, eine gemeinsame Sprache dafür finden und sich gemeinsam an Dingen zu freuen – auch das kann ein soziales Miteinander ermöglichen. Soziale Nähe zeigt sich vor allem darin, dass sich Beteiligte authentisch begegnen und das Interesse am Gegenüber ehrlich gemeint ist. Vor allem die Möglichkeit, sich verbal mit anderen auszutauschen, Gespräche über den Alltag und die Dinge, die alle derzeit bewegen, zu führen können helfen, dass das soziale Miteinander nicht wegbricht. Daher sollten Gespräche nicht als nett gemeinter Schwatz abgetan, sondern als wichtige pflegerische Intervention verstanden werden (Abt-Zegelin, 2009a), um beispielsweise soziale Isolation zu verhindern oder zumindest ihre Auswirkungen zu verringern. Möglicherweise müssen in der Pflege derzeit die Prioritäten neu gesetzt werden. Leider zeigen Untersuchungen, dass sich pflegerische Gespräche in Zeiten hoher pflegerischer Belastungen quantitativ und qualitativ verändern (André et al., 2016). Es ist eine Herausforderung, diesem Phänomen gerade jetzt nicht nachzugeben. Sondern vielmehr das Gegenteil anzustreben und bewusst Möglichkeiten für Gespräche und Dasein zu schaffen.


Struktur schaffen und Hoffnung geben

In einer Zeit, in der fast alles auf den Kopf gestellt zu sein scheint ist es besonders wichtig, dass der Alltag möglichst normal – mit den nötigen Anpassungen – gelebt werden kann. In der Regel dauert es, bis sich dieser Zustand einstellt. Und es stellt sich längst nicht bei allen ein, vor allem dann nicht, wenn Trauer und Verlust begleitend hinzukommen. Auf dem Weg zur Normalität aber kann ein gut strukturierter Ablauf zuhause oder im Heim helfen, den Tag in kleinere Einheiten zu unterteilen und ihn so besser bewältigbar zu machen. Pflegende könnten gemeinsam mit alten Menschen solche Pläne aufstellen und gemeinsam daran arbeiten, den Plan einzuhalten. So kann Struktur dazu beitragen, dass alte Menschen Sicherheit und auch in Zeiten der Unruhe Orientierung erleben.

Neben Struktur erweist sich in krisenhaften Zeiten ein anderes Konzept als sehr hilfreich – die Hoffnung. Menschen, die hoffen haben ein inneres Potenzial, das ihnen hilft, Herausforderndes und Schwieriges zu bewältigen. Hoffnung kann eine innere Kraftquelle und wichtige Ressource nicht nur für alte Menschen sein (Abt-Zegelin, 2009b). Daher wird sich der nächste FachNews-Beitrag diesem Thema widmen.


Beziehung nach innen und nach aussen ermöglichen

Bild 2: Telefonate können helfen, Entfernung zu überwinden (Quelle: Visual Hunt)


Pflegende versuchen im Moment vor allem den alten Menschen die Beziehung nach innen – also im unmittelbaren Wohnumfeld – zu ermöglichen. Das heisst, unter anderen Vorzeichen ein soziales Miteinander zuhause oder im Heim mit den Pflegenden und den anderen Bewohnern und Bewohnerinnen erfahrbar zu machen. Hier sind kreative Lösungen gefragt. Die Beziehung nach aussen, zu den Angehörigen und Freunden der alten Menschen, kann derzeit wohl nur über die Ferne geschehen. Neben den herkömmlichen Angeboten (z. B. Telefon) bietet die Digitalisierung verschiedene Möglichkeiten. Beispielsweise könnten Pflegeheime über einen Online Service den Bewohnern und Bewohnerinnen ermöglichen, virtuell mit ihren Angehörigen in Kontakt zu kommen. Sicher benötigen die alten Menschen dabei die Unterstützung der Pflegenden. Viele Pflegende nutzen verschiedene Tools selbstverständlich in ihrem privaten Alltag und sind im Umgang mit digitalen Medien geübt. Ein am Bett oder im Zimmer eingerichteter Laptop, auf dem Skype oder Zoom eingerichtet ist, würde es den alten Menschen beispielsweise ermöglichen, über den Bildschirm mit den Angehörigen zu sprechen und sie zu sehen. Soziale Nähe, die physische Entfernung überwinden kann, erfährt dieser Tage auf diese Art eine ganz neue Wertigkeit. Es ist erstaunlich, wie schnell sich viele Menschen bereits umgestellt haben und die Online-Optionen beinahe selbstverständlich nutzen. Ermöglichen wir doch auch alten Menschen, dies zu erleben und sie so vor der sozialen Isolation zu bewahren.

 

Elke Steudter ¦ Pflegewissenschaftlerin ¦ Careum Weiterbildung Aarau

 

Quellen

Abt-Zegelin, A. (2009a). Aussergewöhnliche Kommunikation – Gespräche sind Pflegehandlungen. Die Schwester/Der Pfleger, 48(4), 1–4.

Abt-Zegelin, A. (2009b). Hoffnung – Energiequelle in schwierigen Zeiten. Die Schwester/Der Pfleger, 48(3), 1–5.

Adams, K.B., Sanders, S. & Auth, E.A. (2004). Loneliness and depression in independent living retirement communities: risk and resilience factors. Aging & mental health, 8(6), 475–485.

André, B., Frigstad, S.A., Nost, T.H. & Sjovold, E. (2016). Exploring nursing staffs communication in stressful and non-stressful situations. Journal of Nursing Management, 24, E175–E182.

Hawkley, L.C. & Cacioppo, J.T. (2010). Loneliness Matters: A Theoretical and Empirical Review of Consequences and Mechanisms. Ann Behav Med. 40(2), 1–7.

Petrich, D. (2011). Einsamkeit im Alter. Notwendigkeit und (ungenutzte) Möglichkeiten Sozialer Arbeit mit allein lebenden alten Menschen in unserer Gesellschaft. Jenaer Schriften zur Sozialwissenschaft Band Nr. 6.


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