Careum FachNews

Inkontinenz – (k)ein Tabu in der Pflege?!

30.06.2020     Elke Steudter     306 Views     1 Kommentar

Das Leiden der Betroffenen lindern und die Lebensqualität verbessern. Das ist grosses Anliegen des Kontinenzmanagements. Anlässlich des Internationalen Inkontinenztages am 30. Juni lesen Sie hier Wissenswertes rund ums Thema.

Bild 1: Ausscheidung ist ein sehr privates Thema (Quelle visualhunt.com)


Wenn über Inkontinenz gesprochen wird, ist meist die Harninkontinenz gemeint. Schätzungen zufolge leiden ca. 30% der Bevölkerung daran. Differenziert nach dem Geschlecht zeigt sich, dass jede vierte Frau und jeder zehnte Mann davon betroffen ist. Bestimmte Faktoren begünstigen eine Harninkontinenz, z. B. hohes Alter oder sehr starkes Übergewicht. Angst, Scham und Ekel können dazu führen, dass die Betroffenen soziale Kontakte meiden, sich in ihrer Mobilität einschränken und viele Aktivitäten und Hobbys aufgeben. Dies bleibt nicht ohne Folgen für deren Lebensqualität und geht häufig mit einem hohen Leidensdruck einher.

Obwohl sich in den vergangenen Jahren erstaunlich viel im Bereich der Kontinenzförderung und der Inkontinenzversorgung getan hat – noch immer ist Inkontinenz ein Thema, über das man – auch in der Pflege – nicht offen spricht. Auch wenn dem Phänomen interprofessionell begegnet werden sollte, vor allem Pflegende unterstützen alte, kranke und/oder pflegebedürftige Menschen im Ausscheidungsmanagement. Grund genug also, das Thema anlässlich des Internationalen Inkontinenztag am 30. Juni bzw. der Internationalen Inkontinenzwoche, die alljährlich im Juni stattfindet, in den Blick zu nehmen.

Was versteht man unter einer Inkontinenz?

«Inkontinenz nennt man die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, den Blasen- und/oder Darminhalt sicher zu speichern und selbst zu bestimmen, wann und wo er entleert werden soll. Unwillkürlicher Urinverlust oder Stuhlabgang sind die Folgen.» (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2019, S. 4)

 

 

 

 

 

 Verschiedene Ursachen machen individuelle Behandlung nötig

Der unwillkürliche Verlust von Urin kann unterschiedliche Ursachen haben und für die Betroffenen sehr belastend sein. Um den Betroffenen wirksame Massnahmen zur Linderung der Beschwerden anbieten zu können ist es wichtig, die Form der Urininkontinenz zu unterscheiden. Am häufigsten liegt bei Frauen eine Belastungsinkontinenz vor, ca. 50% der Beschwerden sind auf diese Form zurückzuführen. Die Belastungsinkontinenz – die früher als Stressinkontinenz bezeichnet wurde – zeichnet sich dadurch aus, dass beim schweren Heben oder beim Niesen unwillkürlich Urin verloren wird. Dies tritt ein, wenn z. B. die Beckenbodenmuskulatur nach einer Schwangerschaft/Geburt oder im Alter schwächer wird. Bei Männern kann sie als Folge einer Prostataoperation auftreten. In der Regel geht der Harn in Spritzern ab, da der Harnröhrenmuskel unter Druck (durch Husten oder Niesen) nicht stark genug ist, um die Harnröhre vollständig zu verschliessen.

 

Bild 2: Über Inkontinenz spricht man normalerweise nicht (Quelle visualhunt.com)


Die Dranginkontinenz (auch überaktive Blase genannt) verursacht in 15% der Fälle die Beschwerden. Dabei wird der Harn eher im Schwall verloren. Hier liegt die Ursache wohlmöglich in einer Schwäche des Harnblasenmuskels oder einer Blasenentzündung. Aber auch Tumore können dafür verantwortlich sein. Da diese Form auch in Zusammenhang mit einer neurologischen Krankheit auftreten kann, muss dies durch ein entsprechendes diagnostisches Verfahren ausgeschlossen werden. Eine Mischform von Belastungs- und Dranginkontinenz zeigt sich bei 30% der Betroffenen. Zu den selteneren Formen gehören die Reflex- oder die Überlaufinkontinenz (Schär& Ryu, 2015). Je nach Ursache werden andere Behandlungsoptionen in den Blick genommen. Es ist wichtig, die Ursache des unwillkürlichen Harnverlusts zu kennen. Daher steht am Anfang einer jeden Behandlung ein ausführliches Anamnesegespräch.


Sprachlosigkeit überwinden und gemeinsam Lösungen finden

Der erste Schritt zur wirksamen Behandlung der Harninkontinenz ist also, darüber zu sprechen. «Einfacher gesagt als getan» mag man denken. Aber nur wenn sich die Betroffenen dazu bekennen und die Harninkontinenz als ein verbesserbares Problem akzeptieren, kann auch gezielt geholfen werden. Und dies beginnt wie bei vielen anderen Veränderungen des Alters auch mit der Vorbeugung. Hier zeigen vor allem das Beckenbodenmuskeltraining bei Frauen und bei Männern gute Ergebnisse, um einer Belastungsinkontinenz vorzubeugen oder diese zu verbessern. Diese kann bei bestehender Inkontinenz mit der Methode des Bio-Feedbacks oder der Elektrostimulation kombiniert werden. Ziel ist jeweils, die Beckenbodenmuskulatur zu stärken und so auch den Schliessmuskel der Harnröhre zu kräftigen (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2019).

Beckenbodenmuskeln trainieren

In verschiedenen Informations- und Übungsvideos können Anleitungen zum Beckenbodenmuskeltraining angeschaut werden, z. B. unter https://www.youtube.com/watch?v=1_BR8NyRhAg

Hersteller von Inkontinenzmaterialien oder Krankenkassen stellen ebenfalls anschauliches Informationsmaterial im Netz zur Verfügung, z. B. unter https://www.tena.ch/de/frauen/beratung-und-tipps/staerkung-des-beckenbodens/uebungen oder https://www.helsana.ch/de/blog/themen/gesundheitstipps/inkontinenz.html

Diese Informationsquellen können Pflegefachpersonen in der Patientenschulung und Beratung nutzen, um von Harninkontinenz Betroffene bei den Übungen zu unterstützen und darin anzuleiten. Verschiedene Spitäler und Physiotherapiepraxen bieten darüber hinaus Kontinenzsprechstunden an, z. B. im Beckenbodenzentrum des Universitätsspitals Zürich, das in der dortigen Urogynäkologie angegliedert ist.

Die Schweizer Gesellschaft für Beckenbodenphysiotherapie veröffentlicht auf ihrer Webseite eine Liste mit spezialisierten Physiotherapieeinrichtungen: https://www.pelvisuisse.ch/therapeutinnen-therapeuten/?no_cache=1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild 3: Interprofessionell mehr erreichen (Quelle visualhunt.com)


Fortschritte in der Behandlung ermöglichen Lebensqualität

Bei einer Belastungsinkontinenz können auch Pessare eine wirksame Methode sein, um den unwillkürlichen Harnverlust zu verbessern. Die Dranginkontinenz hingegen kann beispielsweise medikamentös behandelt werden (Deutsche Kontinenz Gesellschaft, 2019). In jedem Fall sollte eine Fachperson zurate gezogen werden, die zum einen die richtigen Fragen stellt und zum anderen das richtige diagnostische Prozedere in die Wege leiten kann. Anlaufstelle kann hier die Hausärztin/der Hausarzt oder Pflegefachpersonen in den Kliniken, in Pflegeheimen oder in der Spitex sein.


Umgang mit Inkontinenzmaterial

Eine relativ diskrete Form, unwillkürlich verlorenen Harn aufzufangen, sind Inkontinenzmaterialien. Was für Pflegende oft zum routinierten Alltag gehört und wie selbstverständlich zum Einsatz kommt, kann aber bei den Betroffenen gerade zu Anfang starke Widerstände hervorrufen. Denn noch immer werden die Einlagen mit Windeln für die Kinder verglichen: «Man nässt ein wie ein Baby» mag einem da durch den Kopf gehen. Dieses Erleben ist mit grosser Scham verbunden und zeigt die unangenehmen Auswirkungen des Alterns. Hier ist Einfühlungsvermögen und Geduld gefragt. Ein Schritt für Schritt heranführen ist manchmal erfolgsversprechender, als ein übergestülptes Vorgehen. Und gleichzeitig muss das Umfeld, z. B. Mitbewohner zuhause oder in einer Einrichtung mit bedacht werden. Denn eine nicht versorgte Harninkontinenz kann mit erheblichen Folgen für Angehörige oder andere Bewohner und Bewohnerinnen verbunden sein. Hier sind alle Bedürfnisse wichtig und müssen entsprechend berücksichtigt werden.

 

Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung Aarau

 

Quellen

Deutsche Kontinenz Gesellschaft (2019). Harn- und Stuhlinkontinenz. Frankfurt a.M.

Schär, G. & Ryu, G. (2015). Harninkontinenz der Frau. info@gynäkologie, 5: 20–23.


Kommentare

Gretener-Sperandio
Am 10.07.2020 veröffentlicht.

Mit dem RAI Kontinenz Protokoll können Pflegende Menschen mit Demenz begleiten, damit sie lange ohne Vorlagen auskommen. Wichtig dabei ist, Bewohnende über 24 Stunden zu beobachten, beispielsweise Mimik, Gestik unterschiedlich bei Männer und Frauen, Laute, Sprache und Zeiten wie Tag oder Nacht. Erfahrungsgemäss fühlen sich Menschen mit Demenz wohler, wenn primär kleine Vorlagen eingelegt und je nach Inkontinenz diese angepasst werden. Weiterhin werden Menschen mit Demenz von Pflegenden auf die Toilette begleitet, da sie den WC-Gang häufig noch kennen und ab und an spontan urinieren oder ausscheiden können.


Diskutieren Sie mit

Bitte folgenden Code im Feld eintragen: 29809
* = bitte ausfüllen