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Achtsamkeit – die innere Aufmerksamkeit

12.08.2020     Elke Steudter      580 Views     0 Kommentare

Ständige Informationen und Ablenkung ermüden und erschöpfen auf Dauer. Der achtsame Umgang und die Konzentration nach innen können stärkend im Alltag wirken.

 

Foto 1: Auch kleinen Dingen achtsam begegnen (Quelle: visualhunt.com)

 

Der moderne Mensch lebt in hektischen Zeiten. Den vielen Reizen kann er sich kaum entziehen. Dies führt nicht selten zu Gefühlen der Anspannung und des Erschöpftseins. Glücklicherweise ist der Mensch anpassungsfähig und kann flexibel handeln. Dies hat ihm über Jahrtausende das Überleben gesichert. Was bedeutet dies aber heutzutage, wo die Gefahren und Risiken für Überforderung, Burn-out, Schlafstörungen, Depressionen und nervöser Unruhe nicht nur bei Gesundheitsfachpersonen zunehmen?

 

Alles auf einmal oder ist weniger doch mehr?

Für Viele scheint die Antwort auf die immer mehr werdenden Aufgaben und Reize darin zu bestehen, möglichst viele Dinge gleichzeitig zu erledigen. Man beginnt verschiedene Dinge, die alle wichtig zu sein scheinen, beendet aber häufig keines davon zufrieden und erfüllt. Im Gegenteil: Die Arbeit an mehreren Dingen gleichzeitig ist kraft- und energiezehrend, nie ist man ganz bei der Sache und verhindert so, das Wesentliche im Tun konzentriert zu erleben. Vom Erlebnis des Flow ganz zu schweigen (Csikszentmihàlyi, 2014). Und selten ist man schneller fertig, als wenn man eins ums andere erledigt. Denn es ist eine Illusion zu glauben, dass der Mensch alle Aufgaben und Reizangeboten gleichzeitig und gleichberechtigt wahrnehmen und verarbeiten kann. Dies kann schon aus Gründen der begrenzten Hirnkapazität nicht gelingen. Aber nicht nur mengenmässig sind dem Gehirn Grenzen gesetzt, sondern auch zeitlich. Denn nur was im Langzeitgedächtnis abgelegt wird hat eine Chance, erinnert und genutzt zu werden. Die meisten Reize und Informationen schaffen es im Alltag aber lediglich bis zum Kurzzeitgedächtnis, wo sie maximal einige Minuten verbleiben, bevor sie verloren gehen (vgl. Schmid, 2014).

 

Foto 2: Zu viel kann zu innerer Unruhe und Anspannung führen (Quelle: visualhunt.com)

 

Aufmerksamkeit gezielt lenken

Wahrnehmung und Aufmerksamkeit sind wichtige Voraussetzungen, damit man sich in der Welt zurechtfindet, Gefahren erkennt und entsprechend handelt. Momente von geistigem off-line werden dabei immer seltener – Momente, die aber für Entspannung und Wohlbefinden wichtig sind. Dabei ist das Gehirn niemals ganz untätig. Auch im off-line Modus (Default-Modus genannt) besteht ein permanenter Gedankenfluss – jedoch ohne gerichtete Aufmerksamkeit (vgl. Schmid, 2014). Der Mensch ist nicht in der Lage, nicht zu denken. Aber auf was die Gedanken gerichtet werden, ob die Gedanken eher positiv oder eher negativ sind – das ist durchaus beeinflussbar.

Heute leben viele Menschen möglichst zukunftsorientiert und vorausschauend. Dabei entsteht eine Art vorweggenommener Zukunft, in der man sich geistig mit Dingen in der kommenden Woche, dem nächsten Monat oder gar dem nächsten Jahr beschäftigt. Planen und Vorbereitungen haben durchaus ihre guten Seiten und vielfach geht es nicht ohne (Familien-, Laufbahn- oder Urlaubsplanung). Häufig beraubt man sich mit der Vorwegnahme aber der Chance, die Gegenwart tatsächlich als das was jetzt geschieht wahrzunehmen und bewusst zu erleben. Wenn man sich im Heute immer schon mit dem Morgen und Übermorgen beschäftigt, ist man im tatsächlichen Geschehen nie wirklich dabei.

Und so ist in den letzten Jahren als Art Gegenbewegung das Thema der Achtsamkeit immer wichtig geworden. Denn immer mehr Menschen spüren, dass das Leben unachtsam an ihnen vorbeirauscht, als dass sie es aktiv und bewusst wahrnehmen. Und immer mehr Menschen spüren, welche Kraft und Energie im Genuss der kleinen, bewussten Dinge liegt und wie wichtig das Innehalten ist. Dieses Innehalten ermöglicht, sich wieder auszurichten, rückt Situationen gerade und öffnet den Blick für alternative Bewertungsmöglichkeiten fernab von eingefahrenen Mustern.

 

Foto 3: Ruhe, Konzentration & Aufmerksamkeit (Quelle: visualhunt.com)

 

Im Augenblick geniessen

Das Konzept Achtsamkeit ist verbunden mit der buddhistischen Lehre. In der Übungsform der Meditation wird der Achtsamkeit besonders Ausdruck verliehen. Sie wird verstanden als Fähigkeit, die wahrnehmen kann, was im gegenwärtigen Moment geschieht (vgl. Nhat Hanh, 2016) – es ist ein bewusstes, urteilfreies Spüren und Konzentrieren. Die gute Nachricht: Achtsamkeit ist lernbar. Die schlechte Nachricht: es geht nicht von allein, nicht ohne regelmässige Praxis und stetiges Üben. Der vietnamesische Zen-Meister und Dichter Thich Nhat Hanh zeigt wann und wie man Achtsamkeit in seinem Alltag erfahren und einbauen kann. Im Gegensatz zu herkömmlichen Entspannungsübungen wirkt Achtsamkeit nicht nur im Moment, sondern berührt als Art Lebenshaltung alle Bereiche.

Den ganzen Tag in Achtsamkeit zu verbringen gelingt wahrscheinlich den Wenigsten und denen möglicherweise auch erst nach jahrelanger Praxis. Und immer wieder gibt es Situationen, die routiniertes, schnelles und einfaches Handeln erfordern, um ans Ziel zu kommen. Achtsamkeit kann aber – bewusst als kurze Zeiten des Innehaltens – den Geist beruhigen, die vitalen Funktionen des Körpers positiv beeinflussen und so auf das Wohlbefinden wirken (vgl. Schmid, 2014).

 

Achtsamkeit in der Pflege

Welchen Nutzen die bewusste Lenkung der Gedanken hat wird seit einigen Jahren von Neurobiologen und Neuropsychologen erforscht. Mithilfe von bildgebenden Verfahren kann man dem Gehirn beim Denken quasi zuschauen. Das Üben positiver Gedanken regt das Gehirn aktiv in seinem Umbau- und Entwicklungsprozess an. Das geschieht nicht von heute auf morgen und nicht von Grund auf, aber immerhin so stark, dass sensible Untersuchungsapparaturen diese strukturellen Veränderungen dokumentieren und nachweisen können (vgl. Steudter, 2015).

Dennoch bleibt die Frage, welchen Nutzen das Konzept der Achtsamkeit für den pflegerischen Alltag und die Praxis hat. Bedenkt man, wie viele unterschiedliche Aufgaben während eines Tages in der Pflege erledigt werden müssen, ist die Verlockung gross, diese möglichst schnell zu erledigen. Dabei hat routiniertes Handeln einen hohen Stellenwert. Wenn Pflegehandeln jedoch mehr und mehr von Achtsamkeit in der Begegnung mit dem Anderen und von Achtsamkeit in den Tätigkeiten gekennzeichnet wird, kann sich möglicherweise die Qualität der Beziehung und der Tätigkeit verbessern. Die bewusste, achtsame Wahrnehmung einer Situation kann helfen, Wesentliches zu erkennen und darauf zu reagieren. Die Herausforderung für die Pflege bleibt dabei, dass Pflegende über eine umfassende Wahrnehmung verfügen müssen, um die Informationen aus Beobachtung und Gespräch zu priorisieren und nachvollziehbar entscheiden müssen, auf was sie ihre Aufmerksamkeit gezielt lenken. Diese Fähigkeit kann bewusst trainiert und Veränderungen im Denken können nach einiger Zeit bemerkt werden.

 

Elke Steudter | Pflegewissenschaftlerin | Careum Weiterbildung Aarau

Der Text lehnt sich mit freundlicher Genehmigung des Hogrefe Verlags Bern an Steudter (2015) «Aufmerksamkeit nach innen», erschienen in NOVACura 46(6), 16–18. doi:10.1024 / 1662-9027/ a000051 an.

 

Quellen

Ansorge, U. & Leder, H. (2011). Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Csikszentmihàlyi, M. (2014). Flow – das Geheimnis des Glücks. Berlin: Klett-Cotta.

Jäncke, L. (2017). Kognitive Neurowissenschaften. 2. Auflage. Bern: Hogrefe Verlag.

Nhat Hanh, T. (2016). Im Hier und Jetzt zuhause sein. Bielefeld: Theseus Verlag.

Schmid, N. (2014). Nicht immer denken. Die Kraft von Achtsamkeit, Stille und Konzentration. Wien: Maudrich Verlag.

Steudter, E. (2015). Wie das Gehirn wachsen kann. In: NOVAcura 46(3), p. 17–19.


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